Case Management und Critical Pathway
von Dipl. Pflegewirt Thorsten Müller in: Die Schwester – Der Pfleger
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Der gegenwärtige Wandel in der deutschen Krankenversorgung
setzt Kostenträger und Leistungserbringer unter massiven Innovationsdruck. Im
Zusammenhang mit der medizinisch-pflegerischen und psycho-sozialen Versorgung
von chronisch-kranken, multimorbiden und pflegebedürftigen Menschen im
Fallpauschalenbereich, taucht immer häufiger das aus dem anglo-amerikanischen
Sprachraum stammende Konzept des Case Managements auf.
Angesichts der aktuellen Entwicklungen der Krankenversorgung im Spannungsfeld
von Ökonomisierung, Rationalisierung, Rationierung und Patientenorientierung,
soll im folgenden das Case Management definiert und erläutert sowie
exemplarisch für die Fallpauschale 12.07 – Leistenhernie - entwickelt werden.
Eine Erweiterung pflegerischer Autonomie stellt das Case
Management dar. Darunter ist ein Prozess der individuellen Begleitung eines
Patienten und der Überwachung seines Gesundheitszustandes zu verstehen, um
somit den größten Nutzen bei gleichzeitiger Begrenzung der Kosten zu erreichen.
”Pflegerisches Case Management ist eine Vorgehensweise, deren Fokus auf die Koordination, die Integration und die direkt patientenbezogenen Pflegeleistungen ausgerichtet ist und die eine interne Ressourcenkontrolle für diese Pflegeleistungen durchführt."
”Die Ziele dieses Modells sind:
Ø
Verbesserung der Patientenversorgung
Ø
Kontrolle des Ressourceneinsatzes
Ø
Verkürzung der Verweildauer
Ø
Erhöhung der Patientenzufriedenheit
Ø
Erhöhung der Mitarbeiterzufriedenheit”
Dem Case-Management-Prozeß, dessen Ablauf einem bestimmten Phasenmodell von logisch aufeinander aufbauenden Arbeitsprozessen folgt, werden i.d.R. folgende Basiskomponenten zugewiesen, die sich in allen relevanten Case-Management-Modellen wiederfinden:

Abbildung 1: Regelkreis des Case-Management-Modells
”Diese Art von Pflegemanagement befasst sich verstärkt mit
frühzeitiger Begutachtung/Einschätzung und Intervention, mit umfassender
Pflegeplanung sowie Überweisungen innerhalb des Leistungssystems.”
Standardpflegepläne werden verwendet, um eine gewisse
Einheitlichkeit der Pflege im Hinblick auf die Verweildauer des einzelnen
Patienten zu erzielen.
Case Management kann bei allen Pflegesystemen (Primary
Nursing, Gruppenpflege, Funktionspflege) verwendet werden.
Eine kontinuierliche Begutachtung und Evaluation der Pflege
findet durch pflegerische Teamarbeit statt. Abweichungen vom Pflegeplan werden
von der verantwortlichen Pflegeperson analysiert.
Eine Stärke von Case Management ist, dass in diesem System
Pflegepersonen mit unterschiedlicher beruflicher Kompetenz eingesetzt werden
können. Das heißt, der generelle Pflegeplan, der dass beinhaltet, was für den
einzelnen Patienten getan wird, bleibt unverändert, selbst wenn die Personen
des Pflegeteams wechseln.
”Das Ziel dieser Pflegesysteme ist die Aufenthaltsdauer zu
verkürzen, die Kosten zu reduzieren und die Qualität der Pflege zu verbessern.”
Um dieses Ziel zu erreichen, müssen diese Pflegesysteme
einerseits einen bestimmten Pflegestandard aufrechterhalten und andererseits
die begrenzte fiskale Situation und die entsprechende Ressourcenzuteilung
berücksichtigen.
Der Nachweis und die Verantwortung für entsprechende
Pflegeleistungen bezieht sich über den gesamten stationären Aufenthalt für eine
Gruppe von Fallpauschalen-Patienten und nicht auf eine Pflegestation.
Dadurch erweitert sich der Bereich der Pflegeleistungen. Das
heißt, die Pflegeplanung und Pflegekoordination gehen über die einzelne Station
hinaus und greifen auch in anderen Pflegebereiche.
In diesem System wird:
Ø
die Zusammenarbeit in interdisziplinären Gruppen
unterstützt, die interdisziplinäre Entscheidungsfindung erleichtert, die
vorhandenen Patientenressourcen zur Erreichung der angestrebten klinischen
Ergebnisse genutzt
Ø
Case-Management-Pläne (Standards) werden von Personen des
therapeutischen Teams eingesetzt
Ø
Abweichungen werden analysiert. Die Evaluation der
Patientenversorgung wird über die einzelne Station hinaus erweitert und
schließt alle Patienten in einer spezifischen Fallgruppe ein.
”Verständlicherweise bedeutet Case Management die
durchgehende Beibehaltung des Leistungserbringers. Unterschiedliche, formale, informelle,
sogar esoterische Ressourcen können genutzt werden, der Koordinator, der
Leistungserbringer (gewöhnlich eine bestimmte Person) bleibt der gleiche.”Dieser Koordinator wird Case Manager
genannt.
Dieser Case Manager rekrutiert sich aus der Berufsgruppe des
examinierten Pflegepersonals und ist für die Interaktion des Patienten mit dem
gesamten Gesundheitssystem verantwortlich. Der Case Manager muss damit vertraut
sein, wann welche medizinische Technologie indiziert ist und wann mit weniger
Kosten eine alternative Maßnahme den gleichen Effekt erzielt. Somit schlägt er
eine zweite Meinung oder ein weiteres diagnostisches Programm vor. Der Case
Manager begleitet den Patienten von dem Zeitpunkt der Aufnahme im Krankenhaus
bis zur Entlassung. Er stellt sicher, daß der Patient die Pflege und Behandlung
erhält, die den größtmöglichen Nutzen gekoppelt mit größtmöglicher Effizienz
erwarten lässt. Somit werden kostspielige Verzögerungen, z.B. während des vor-
oder nachstationären Krankenhausaufenthaltes, beseitigt.
Folgende weitere Aufgaben des Case Managers sind denkbar:
Ø
Versorgungsangebote und strukturen zu vernetzen
Ø
PatientInnen gezielt durch das komplexe Versorgungssystem zu
lotsen, ohne ihre Autonomie zu beschränken
Ø
Qualität zunehmend nach dem Ergebnis zu beurteilen
Ø
Leistungserbringer mit in die Verantwortung für die
medizinischen und ökonomischen Ergebnisse ihrer Arbeit zu nehmen sowie
Ø
vorhandene Informationen besser zu nutzen und neue zu
gewinnen.
Case Manager, die Stationen oder Bereichen zugeteilt sind,
koordinieren die Pflege, die von examinierten Pflegepersonen und
unqualifiziertem Personal im Pflegeteam durchgeführt wird. Der Case Manager
dient auch als Rollenvorbild für Berufsanfänger oder Pflegepersonen in der
Einführungsphase.
Diese Person ist Teil eines multidisziplinären Teams,
welches kontinuierlich Versorgungsleistungen begutachtet, evaluiert und plant.
Die Begutachtung basiert auf den Ergebniserwartungen für ärztliche,
pflegerische und alle anderen in die Versorgung von Patienten involvierten
Dienste.
Case Manager übernehmen die Verantwortung für eine
Fallgruppe von Patienten, welche die ,,Hochrisiko"-Kriterien erfüllen
(z.B. multimorbide Patienten), die für jeden klinischen Bereich
entwickelt wurden. Der Sozialdienst wird je nach Bedarf eingeschaltet.
Durch die konsultative Zusammenarbeit von Pflegeexperten mit
weniger erfahrenen examinierten Pflegepersonen unterstützt der Case Manager die
Entwicklung von Professionalität und die Verbesserung klinischer Fähigkeiten
des Stationspersonals und fördert kollegiale Beziehungen mit allen Mitgliedern
des therapeutischen Teams.
Probleme für den Case Manager können durch den Widerstand
der Ärzteschaft entstehen, die ihre historischen Rechte auf Autonomie im Behandlungsprozess
durch das Case Management verletzt sehen. Es kann auch behauptet werden, er
kümmere sich mehr um die Kostendämpfung als um die beste Medizin oder Pflege.
Damit soll aufgezeigt werden, dass die Pflege ihr
Rollenverständnis dramatisch verändert, wenn sie die Verantwortung für das Case
Management übernimmt. Die Pflege erhält hierdurch eine größere Autonomie.
Es muss geklärt sein, wer für
welche Leistung verantwortlich ist und dies wiederum beinhaltet, dass jeder in
der Lage sein muss, die Qualität seiner Leistung auch selbst zu überprüfen. Hier
verwirklicht sich auch der Anspruch auf eine enge Kooperation aller
Berufsgruppen untereinander. Um eine Verkürzung der Behandlungszeit zu
erwirken, müssen klare Absprachen untereinander getroffen werden. Aus diesem
Grund wird im weiteren der Critical Pathway vorgestellt.
Critical Pathway ”ist ein Plan, der die spezifischen
Ereignisse festlegt, die an den einzelnen Tagen des stationären Aufenthalts des
Patienten eintreten sollen.”
Gemeinsames Ziel aller Versuche ist es, die Qualität und die
Wirtschaftlichkeit der Versorgung durch Kommunikation, Kooperation und
Koordination deutlich zu steigern. Unnötige Leistungen und entsprechende
Überkapazitäten können entfallen, wenn die einzelnen Versorgungsbereiche besser
miteinander verzahnt werden.
Er ist ” ... ein Instrument zur Verzahnung ambulanter und
stationärer Behandlung und definiert standardisierbare, multidisziplinäre
Prozesse. ” Verbunden mit
einer Kostenmatrix wird die Darstellung fallbezogener Kosten möglich, und zwar
von der Diagnosestellung bis zur Entlassung. Dies dient somit gleichzeitig der
Ergebnis- und Leistungsdokumentation. Die Kostentransparenz und Planbarkeit
zukünftiger Ressourcen werden gefördert. Unter Berücksichtigung der
Erfordernisse medizinischer und pflegerischer Behandlungsqualität werden
Standards gebildet. Ziel ist die Erreichung eines hohen medizinischen und
pflegerischen Standards unter optimalen Einsatz von Personal- und
Materialressourcen.
Vor Erstellung eines Critical Pathway sollten folgende
Fragen geklärt werden:
ü Welche klinischen Dienste werden benötigt?
ü Welche Dienste werden aus Patientensicht
benötigt?
ü Wo und wann können
diese Dienste am besten erbracht
werden?
ü Wo und durch wen können diese Dienste am
besten
koordiniert
werden?
Die Kosten für die Einführung eines Critical Pathways
beispielhaft für die Optimierung einer chirurgischen Abteilung belaufen sich,
unter Einbeziehung der zehn häufigsten Erkrankungen, auf rund 200.000 DM. Die
Umsetzung und Optimierung durch dieses System nehmen einen Zeitraum von etwa
sechs Monaten in Anspruch. Bestehende Fallkosten lassen sich aber bis zu 25
Prozent reduzieren. Es dient als Grundlage zur Umsetzung notwendiger
Rationalisierungen und Reorganisationen.
Im folgendem Abschnitt wird das Konzept des Critical
Pathways anhand der Fallpauschale 12.07 – Leistenhernie – vorgestellt.
Aus einem Pool
von 300 Patienten, welche mit der Fallpauschale 12.07 abgerechnet wurden, sind
40 Patientenakten im Hinblick auf die Verweildauer sowie die Operationstechnik
und die PPR-Einstufung, die Leistungen der einzelnen Berufsgruppen, den
Zeitpunkt, an dem die Leistungen erbracht wurden und auf die Einzelleistungen
hin untersucht worden.
Geplant ist eine Verweildauer von sechs Tagen. Pro Pflegetag soll genau definiert werden, welche pflegerischen, diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen im Rahmen der Behandlung durchzuführen sind. Somit wird genau definiert, welche Leistung im Rahmen dieser Fallpauschale ”wann, wo, wie und durch wen” durchzuführen sind.
Der Autor hat folgende Bücher im Auftrag des Verlages bearbeitet:
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Weiterführende Links zum Thema Critical Pathway:
Quelle: www.leitlinien.de A-Z
Bräuning,
D.: Fallkostenkalkulation mit dem Pathway
Management. In: ku 10/97, 66. Jahrgang, S. 792 ff.
Cohen, E. L.; Cesta, T. G.: Nursing
Case Management. Mosby
New York: 1997.
Skript zur Vorlesung
Pflegewissenschaft.
Übersetzt und bearbeitet von E. Kellnhauser.
Healy, S.: Health Care Quality
Assurance Terminology. In:
International
Journal of Health Care Quality Assurance.
Bradford: 1/1988, S. 23 – 24. Übersetzt von E. Kellnhauser.
Huber, D.: Leadership and Nursing
Care Management. W. B.
Saunders
Company Philadelphia: 1996. Übersetzt von
Th.
Müller.
Ewers,
M.: Case Management. Bibliografie. In:
Veröffentlichungsreihe der Arbeitsgruppe Public Health.
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung P95- 205 12/95.
Nursing in Today´s, Challenges,
Issus and Trends. Übersetzt von
I. Schomburg. In: Pflege Aktuell 4/96 50. Jahrgang, S. 253.